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Wie authentisch kann eine Fälschung sein? Wolfgang Beltracchi zu Besuch in Lockenhaus

Wie authentisch kann eine Fälschung sein? Wolfgang Beltracchi zu Besuch in Lockenhaus

Wolfgang Beltracchi sitzt auf dem Bühnenrand im Festsaal der Burg Lockenhaus. Vor ihm steht eine kleine Traube Menschen, manche von ihnen mit einem dicken Buch in der Hand.
Autor: Der Meister selbst zusammen mit seiner Frau. Fast beiläufig nimmt er einen Stift und das Buch entgegen und schreibt eine Widmung und sein Autogramm hinein. Dazu noch eine schnelle Zeichnung. Dabei kommt er in Plauderlaune: Eine Geschichte über Gustav Klimt und ein Selbstporträt des österreichischen Malers. Das wurde von Wolfgang Beltracchi gemalt, also kann es ja eigentlich kein Selbstporträt sein — oder doch?

Wenn er in der Handschrift eines Künstlers malt, übernimmt er nicht einfach nur dessen Maltechniken, sondern versetzt sich in den Künstler hinein. Mit welchen Menschen hat sich dieser umgeben? In welchen Verhältnissen hat er gelebt? In welcher seelischen Verfassung war er? Sozusagen eine kunsthistorische Analyse eines Künstlers, die Beltracchi dann mit Emotionen auflädt und in ein Bild umwandelt, das möglichst glaubwürdig sein soll. Zumindest konnte er über Jahrzehnte seine Werke als die von anderen Malern für Millionen verkaufen.
Er wurde zusammen mit seiner Frau Helene zu mehreren Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt wegen Urkundenfälschung und nicht wegen des Fälschens von Bildern. Das betont er immer wieder, wie in der Diskussionsrunde mit Renata Schmidtkunz auf Burg Lockenhaus. Das Gespräch hat seinen Höhepunkt im Schlagabtausch um die Frage der Moral.


Wolfgang Beltracchi im Gespräch mit Renata Schmidtkunz  ©   Jonathan Scheid

Wolfgang Beltracchi im Gespräch mit Renata Schmidtkunz © Jonathan Scheid

Wolfgang Beltracchi ist nämlich charismatisch, wirkt authentisch und oft sehr witzig. Er zieht das Publikum in seinen Bann und man mag gar nicht glauben, dass dieser Mensch sehr lange kriminell war. Aber darauf lässt er sich nicht reduzieren. Er habe seine Haftstrafe abgesessen und seine Schulden bezahlt. Er möchte nicht mehr darauf angesprochen werden, die Verhaftung liege jetzt mittlerweile auch schon lange zurück. Er wehrt sich, darüber zu sprechen wie man seine Taten beurteilen soll und schießt dann auch zurück: Er müsse jetzt nicht weinen, nur um die Moralvorstellungen anderer zu erfüllen. Wenn er sich aber freiwillig in die Situation eines Interviews begibt muss er damit rechnen mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden, denn schließlich hat sie ihn berühmt gemacht.

Im Schloss Esterházy in Lockenhaus werden derzeit fünf originale Beltracchi-Gemälde ausgestellt. Bilder, die er in Handschriften von anderen Künstlern gemalt hat. Das ist eigentlich irreführend, denn Beltracchis eigene Handschrift ist, dass er fremde Handschriften beherrscht. Er kann sein Handwerk einfach sehr gut. Vergleichbar mit einem Geiger, der auf einem modernen Instrument spielt, aber auch historisch informierte Spieltechniken und Instrumente beherrscht.

Beltracchi geht selbstbewusst mit seinem Talent um. Es gibt eigentlich nichts, was er nicht malen könne, sagt er. Ihm ist aber auch bewusst, dass er nicht mehr zeitgemäß ist. In der modernen Kunstwelt malt niemand mehr und an den Hochschulen wird es auch nicht mehr gelehrt. Denn dafür brauche man Geduld. Daher fällt es ihm schwer, einen Assistenten zu finden, obwohl die Anforderungen eigentlich ganz einfach sind: Alle Zeichen- und Maltechniken beherrschen.

Dass seine Kunst nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, ist keine Hürde für ihn. Der Betrugsskandal hat ihn berühmt gemacht, seine Fälschungen werden höher gehandelt als die Originale und er hat genügend Aufträge, um von der Malerei zu leben.

Dort, wo er auftaucht, polarisiert er. Für die einen ist er ein Betrüger, der den Namen von großen Künstlern der Geschichte missbraucht hat, und für die anderen hat er offenbart, was im Kunstbetrieb falsch läuft.

Es ist aber vielleicht gar nicht wichtig, ob es gut oder schlecht ist, was er getan hat, sondern es stößt Diskussionen an. Er ist unbequem auf eine produktive und konstruktive Weise. Wir können aus seinen Handlungen etwas für unsere Gesellschaft ziehen und den Umgang mit der Kunst und dem Kunstbetrieb dahinter reflektieren.

von Jonathan Scheid

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